Die Geburtsgrotte in Bethlehem mit dem silbernen Stern am Boden ist unter Christen ein weithin bekannter Ort, der an die Menschwerdung Jesu erinnert. Nahezu unbekannt aber ist an gleicher Stelle die Krippengrotte. An der südlichen Längsseite nämlich markiert eine Säule und zwei Stufen niedriger einen kaum sechs Quadratmeter großen, weiteren Grottenraum, an dessen Westseite eine (Futter-)krippe und gegenüber an der Ostseite ein Altartisch der hl. Drei Könige darauf verweist, daß Maria das Neugeborene genau hier in die Krippe legte, und die Hirten, später die Weisen aus dem Morgenland, das Kind anbeteten.

Alte Postkarte mit der Geburtsgrotte in Bethlehem und rechts (etwas gestreckt) die Krippengrotte. Bild: Klemens Unger
Alte Postkarte mit der Geburtsgrotte in Bethlehem und rechts (etwas gestreckt) die Krippengrotte. Bild: Klemens Unger

Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit waren als einziger Orden die Kapuziner geduldet, die die heiligen Stätten in Israel betreuten. Bekannt geworden ist Bernardino Amico, der die Stätten genau aufzeichnete und diese bereits Anfangs des 17. Jahrhunderts in Rom veröffentlichte. Vor ihm war Bernardino Caimi Custos im Hl. Land und bat nach seiner Rückkehr in Rom um Erlaubnis, das Leben Jesu und die heiligen Stätten den Gläubigen in Kapellen nachbilden zu dürfen. So entstanden die ersten der 43 Bauten um 1470 auf einem dazu ausgewählten „Sacro Monte“ in Varallo nördlich von Mailand. Ebenso wurde zum Beispiel auf dem Sacro Monte di Crea bei Casale Monferrato in 34 Kapellen das Leben Marias – auch hier wieder in lebensgroßen, bemalten Terracotta-Figuren – dargestellt.

Die späteren Kaiserinnen Eleonora Gonzaga Monferrat (2. Gemahlin Ferdinand II.) und Eleonora Gonzaga Never (3. Gemahlin Ferdinand III.)  waren im Kloster S. Orsola in Mantua erzogen worden und haben diese heiligen Berge sicher gekannt. Diese Persönlichkeiten waren sehr gebildet, fromm und musikalisch.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg war offensichtlich die Sehnsucht nach Andachtsstätten so groß, dass die Kaiserin ihrem Oberst-Stallmeister die originalen Pläne von der Geburts- und Krippengrotte besorgte und dieser im jüngst gegründeten Servitenkloster Schönbühel bei Melk an der Donau unter der Kirche – teils in den Fels gehauen – eine exakte Nachbildung der Geburtsgrotte (1675) bauen ließ.

In Wien wurde 1697 an die Minoritenkirche eine hl. Stiege angebaut – höchstwahrscheinlich mit einer Geburtsgrotte – und in Anwesenheit des Kaisers Leopold geweiht.  Wohl nach diesem Vorbild ließen die Augustiner-Chorherren in „Karlov und Maria Himmelfahrt“ in Prag von dem bedeutenden Barockarchitekten Santini eine hl. Stiege und darunter eine Geburtsgrotte nach dem originalen Vorbild bauen. Die böhmische Sibylla Augusta, Markgräfin von Baden, stammte aus Schlackenwerth, hatte dort eine Kopie der Maria-Einsiedeln Kapelle errichtet und nach dem Frieden von Rastatt (1715) nochmals die gleiche Nachbildung der Kapelle, diesmal jedoch mit der Kopie der Geburtsgrotte im Untergeschoß erbauen lassen. Damit endet diese kulturgeschichtliche Besonderheit im Herzen Europas, die wir zudem im schlesischen Grüssau und in Willich-Neersen finden.

Krippengrotte in der Prager Nachbildung der Geburtsgrotte. Bild: Klemens Unger
Krippengrotte in der Prager Nachbildung der Geburtsgrotte. Bild: Klemens Unger

Aber nur in Schönbühel ist die Verehrungsstätte zur Geburt Jesu lebendig geblieben. Noch heute werden in der Weihnachtszeit dort an den Sonntagen vor und nach Weihnachten „Christkindlandachten“ gefeiert.

Christkindlandacht in der Nachbildung der Geburtsgrotte Schönbühl. Bild: Klemens Unger
Christkindlandacht in der Nachbildung der Geburtsgrotte Schönbühl. Bild: Klemens Unger

Literatur:

Fra Bernardino Amico, Plans of the Sacred Edifices of the Holy Land, Jerusalem 1953 (Rom 1610). Walpurga Oppeker, Bethlehem in Niederösterreich. Ein Besuch in der Geburtsgrotte des ehemaligen Servitenklosters  Schönbühel an der Donau, in : Das Waldviertel, Zeitschrift für Heimat- und Regionalkunde des Waldviertels und der Wachau, 4/2015, S. 442‒453.