Pia Weiland

Seit April 2019 bereichert ein neues Objekt die Palmsonntagsprozession der Dompfarrei Regensburg: Eine von Hans Störringer aus Lindenholz gefertigte Figurengruppe, die Christus auf einem Palmesel zeigt. Dieser Brauch ist keine Erneuerung, um Menschen für den Palmsonntag zu begeistern, sondern eine Jahrhunderte alte Tradition. Sog. „Palmesel“-Figuren sind aus Holz geschnitzte Skulpturen, die den Einzug Christi in Jerusalem am Palmsonntag verbildlichen. Christus sitzt auf dem Esel, die rechte Hand zum Segen erhoben. In der linken Hand hält er die Zügel, oft auch einen Palmzweig und in seltenen Fällen ein Buch. Viele dieser Darstellungen sind annähernd lebensgroß. Sie stehen auf einem Brett mit vier Rädern oder auf einem Wagen, der mit einer Deichsel oder einem Seil gezogen wird; vereinzelt wurden sie auch getragen.

Der Brauch, eine Christus-Palmesel-Gruppe bei der Palmsonntagsprozession mitzuführen, lässt sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen und war bis ins 18. Jahrhundert weit verbreitet. Christus-Palmesel-Figuren gehören folglich zu den frühesten vollplastischen Skulpturen des Mittelalters. Sie sind damit etwa so alt wie das Gero-Kreuz oder die Essener Madonna. Trotz wiederholter Verbote ist diese Tradition nie ganz verschwunden: Allein in Deutschland, ihrem größten Verbreitungsgebiet, haben sich ca. 160 Exemplare erhalten. An einigen Orten begleitet auch heute (wieder) eine Christus-Palmesel-Gruppe die Prozession.

Die Christus-Palmesel-Gruppe in Winzer, Palmsonntag 2024, Foto: Pia Weiland
Die Christus-Palmesel-Gruppe in Winzer, Palmsonntag 2024,
Foto: Pia Weiland

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Liturgie verschiedene Zeichen hervorgebracht, die Christus nicht nur symbolisieren, sondern seine Gegenwart vergegenwärtigen. Für die Palmsonntagsprozession übernimmt diese Rolle eigentlich das Evangeliar oder das Kreuz. Wie anschaulich jedoch eine Figurengruppe wirken kann, zeigt eine kleine Szene, die ich während der Palmsonntagsprozession in Hall 2025 beobachten durfte: Als der Zug um eine Ecke bog und die Skulptur auch für die hinteren Reihen sichtbar wurde, rief ein Kind spontan: „Da ist der Jesus!“ Diese unmittelbare Reaktion macht deutlich, dass das Kind sie beim ersten Anblick sofort identifizierte und auch, dass die Figur im liturgischen Geschehen nicht als Kunstwerk wahrgenommen wird, sondern als klare und verständliche Darstellung der Person Christi. Gerade diese kindliche Wahrnehmung zeigt die besondere Anschaulichkeit und Wirkungskraft solcher Bilder.

Neben der Verwendung in der Prozession war es vielerorts Brauch, die Figur von Haus zu Haus zu ziehen und so den Segen zu den Menschen zu bringen. Häufig übernahmen Kinder diese Aufgabe und erhielten dafür kleine Gaben. In Elsendorf etwa ziehen nach dem Palmsonntagsgottesdienst die Ministranten mit der Christus-Palmesel-Figur durch den Ort und von Tür zu Tür. Dabei sagen sie folgenden Spruch auf: „Seht einen König kommen, sanftmütig zieht er ein, bringt Frieden allen Frommen, will Herzenskönig sein!“. Damit weisen sie auf die Ankunft Christi hin. Als Dank erhalten sie traditionell einen kleinen Obolus, etwa Geld oder Eier.

Dillingen, Palmesel
Die Christus-Palmesel-Gruppe in der Basilika St. Peter in Dillingen, Foto: Pia Weiland

Ein besonders anschauliches Beispiel für diesen Brauch bietet die Figurengruppe aus Schwabmühlhausen. Im Bauchbereich der Christusfigur befindet sich eine ovale Kartusche mit einem Spruch: „Erf(r)euet euch ihr / Chri(st)en, bei (we)lchen / (ich) heute werde/ (e)inkehren.“ Dieser Spruch ist zum einen im festbezogenen Anlass des Palmsonntags zu betrachten, da der Einzug Christi in die Stadt Jerusalem eine Art „Einkehr“ Jesu beim Volk Israel ist. Christus zeigt sich das erste Mal bewusst öffentlich den Menschen. Er zieht als Messias in Jerusalem ein und die jubelnden Menschen begrüßen sein Ankommen. Durch den Heischebrauch zieht er nicht nur in die Kirche, sondern auch in die Häuser der Gläubigen ein. So ist der angebrachte Spruch eine Einladung zur Freude für all diejenigen, die den Besuch oder die Gegenwart Jesu erwarten oder erleben dürfen.

Auch in Kößlarn wurde die Figur nach der Prozession von Kindern und Ministranten von Haus zu Haus gezogen. Die dortige Christus-Palmesel-Gruppe zählt zu den traditionsreichsten überhaupt: Mit nur wenigen Unterbrechungen war sie von 1481 bis 2001, also 500 Jahre lang, in Gebrauch. Erst ein Schaden am linken Vorderfuß des Esels beendete ihren Einsatz. Heute befindet sich die Figur im Museum, während für die Prozession eine Replik verwendet wird.

Die Wiedereinführung des Palmesels in Regensburg steht in einer Reihe ähnlicher Initiativen. So führte Pfarrer Hans-Josef Bösl die Tradition 1987 in Aufhausen wieder ein. Anfangs wurde die Idee noch mit einem gewissen Schmunzeln aufgenommen, doch schon wenige Jahre später war der Palmesel aus den Palmsonntagsfeierlichkeiten nicht mehr wegzudenken.

Für die Regensburger Figur von Hans Störringer diente eine spätgotische Darstellung aus der Pfarrkirche St. Martin in Kasing als Vorbild. Da auch für Regensburg selbst mehrfach historische Christus-Palmesel-Figuren belegt sind, erhält die Wiedereinführung dieser Tradition eine zusätzliche Bedeutung.

Die Christus-Palmesel-Gruppe von Hans Störringer,
Foto: Pia Weiland

Literatur (Auswahl):

Josef Anselm von Adelmann, Christus auf dem Palmesel, in: Zeitschrift für Volkskunde 63 (1967), S. 182–200.

Hans-Josef Bösl, Der Palmesel von Aufhausen, in: Erika und Adolf J. Eichenseer (Hg.), Oberpfälzer Ostern. Ein Hausbuch von Fastnacht bis Pfingsten, Regensburg 1996, S. 166–168.

Ludwig Mödl, Palmeselchristus. Pastoraltheologische Erwägungen, in: Mödl, Ludwig, Ramisch, Hans (Hg): Spiegel des Heiligen. Kunst als Medium gegenwärtiger Pastoral. Regensburg 2003, S. 119–136.

Pia Weiland, Der Palmesel von Schwabmühlhausen, in: Dresken-Weiland, Jutta und Weiland, Felix (Hg.), Ein Schatz für die Kirche. Studien zum Verständnis von Kirche und Kultur, Festschrift für Albrecht Weiland zum 70. Geburtstag, Regensburg 2025, S. 199‒206.

Pia Weiland arbeitet an ihrer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Thema „Der Palmesel – Bedeutungsschichten eines paraliturgischen Objektes“, die durch ein Promotionsstipendium der Hanns-Seidel-Stiftung gefördert wird.